Der weise Weinbauer und der starke Weinbauer
Es waren einst zwei Weinbauern. Der eine hager und dürr, der andere stark und kräftig. Beiden betrieben sie einen Weingarten und mit dem Ertrag ernährten sie ihre Familien. Beide Bauern bauten ein und dieselben Weintrauben an. Es waren ganz besonderen Weintrauben. Die edlen Weintrauben brachten sehr hohen Erlös, die übriggebliebenen Weintrauben brachten gar keinen Ertrag. Daher galt für die beiden Weinbauern, dass sie stets am Ende der Ernte nur die erlesensten Weintrauben verkaufen konnten. Alle anderen Trauben waren absolut ungenießbar für Mensch und Tier, man konnte diese schlechten Weintrauben also auch nicht mehr als Tiernahrung hernehmen. So war das Geschäft der beiden Weinbauern halt. Das waren die Bedingungen, die sie auch nicht ändern konnten. Es bestand also niemals die Möglichkeit, die schlechten Trauben für irgendetwas anderes Sinnvolles herzunehmen. Das Leben der beiden Weinbauern war daher ein bisschen schwarz und weiß, denn die einen Weintrauben waren sehr gut, die anderen waren nur schlecht.
Es kam dann so, dass der Frühling heraneilte und die Saat bzw. die Pflege des Weingartens begann. Reben mussten beschnitten werden, es musste gedüngt werden, die Reben mussten bewässert und der Boden aufgelockert werden. Gleichzeitig mussten beide Bauern ständig den Wetterbericht beobachten, damit sie auf starke Wetterumschläge reagieren konnten.
So begann die Zeit des Frühlings, den Vorbereitens. Beide Weinbauern begannen die Arbeit. Weil aber der hagere und dürre Bauer durch seine körperliche Schwäche im Nachteil war, begann er früher mit der Arbeit. Er brauchte für das Auflockern des Bodens 1 Woche, für das Rebenschneiden 2 Wochen, für das Düngen wieder eine Woche, für das Bewässern 3 Wochen. Der starke und kräftige Bauer hingegen schaffte diese Arbeit in wenigen Tagen, den Rest der Zeit ruhte er aus. Er konnte, wenn er wollte, 16 Stunden am Tag arbeiten, der dürre Bauer nur 8 Stunden. Allerdings war sich der starke und kräftige Weinbauer über diese Fähigkeit gar nicht im Klaren. Er ackerte einfach, was das Zeug hielt und bisher war er nie gescheitert. Der dürre und hagere Weinbauer hingegen wusste um seine Schwäche. Daher hatte er sich, das war so seine Art, im Winter über mal kräftig informiert. Über Praktiken, wie er sich die Arbeit erleichtern könnte, wie alles schneller und reibungsloser ging. So wusste er z. B., dass das Bewässern des Weingartens mit einer automatischen Sprenkel Anlage wesentlich leichter war. Allerdings war eine solche automatische Bewässerungsanlage sehr teuer, die hatte er sich noch nicht anschaffen können, weswegen er wie der starke, kräftige Bauer ebenso noch mit Eimern seinen Weingarten bewässern musste. Doch er hatte sich gesagt: „Darauf spare ich und wenn es Jahre dauert, bis ich das Geld dafür zusammen habe.“ Gleichzeitig sagte er sich, dass eine solche Bewässerungsanlage auch eine Altersvorsorge ist, denn wenn er erst 60, 70 oder 80 Jahre alt sein würde, würde er das Tragen der Wassereimer, das Bewässern des Weingartens, gar nicht mehr können. Mit einer solchen Bewässerungsanlage würde es dann aber doch gehen, sodass er wusste, dass er damit auch im hohen Alter seinen Weingarten betreiben könnte, womit er ja seine Familie ernährte.
Der starke, kräftige Bauer hatte sich in der Hinsicht noch gar keine Gedanken gemacht. Es lag an seine Kraft, von der er nicht glaubte, dass sie ihn irgendwann verlassen würde, aber vor allem lag es daran, dass der starke, kräftige Bauer sich wenig informierte, wenig nachdachte, wenig las, wenn überhaupt. Das aber nicht aus Faulheit, sondern: Weil er den ganzen Tag über so schwer und fleißig arbeitete, hatte er abends keine Kraft und Geduld mehr fürs Lesen und Weiterbilden. So lebte er in den Tag hinein und verließ sich auf seine Kraft, die hatte ihn ja auch noch nie verlassen. Nie hatte er geschwächelt, immer war er mit seiner Kraft voll im Tag. Dieser starke und kräftige Weinbauer sah sich daher auch nicht so geflissentlich den täglichen Wetterbericht an. So bekam er manchmal gar nicht mit, wenn es abends Gewitterschauer geben würde.
Der dürre und hagere Bauer jedoch sah sich jeden Tag ganz pünktlich den Wetterbericht an. Er wusste stets über das Wetter Bescheid und konnte sich daher manchmal das schwere Bewässern sparen, während der starke, kräftige Bauer morgens gewässert hatte und dann abends feststellte, dass er sich diese Arbeit hätte sparen können, weil ein Gewitterregen aufgekommen war. Dieses kleine Missgeschick änderte den kräftigen, starken Bauer aber nicht. Er blieb wie er war, er schufte wie ein Tier und hatte auch immer die Kraft dafür. Daher sagte er sich oft: „Ach, hätte ich das doch gewusst, hätt ich mir die Arbeit sparen können. Ach, was solls, na ja, Pech gehabt. Scheiß Gott!“
Dem dürren und hageren Weinbauer passierten solche Missgeschicke nicht. Fast immer wusste er genau Bescheid. Außerdem hatte er sich mit der Zeit viele kleine Gerätschaften besorgt, die ihm halfen, zum Beispiel am Anfang des Frühlings den Boden leichter aufzulockern. Der starke, kräftige Bauer hingegen tat dies stets mit dem Spaten und der schweren Spitzhacke. Auf die Idee, dass es mittlerweile Gartengeräte gab, die ihm die Arbeit erleichterten, kam er gar nicht. Das hatte unter anderem traditionelle Gründe. In der Hinsicht sagte er sich: „Ja, so ist das Weinbauergeschäft halt. Mein Großvater und dessen Großvater haben es auch stets so gemacht.“
Der dürre und hagere Bauer jedoch war nicht so traditionell. Er erkannte, durchs Lesen, dass sich die Welt und die Techniken in der Landwirtschaft weiterentwickelt hatten und dass nicht alles nur aus Habgier produziert wurde, sondern viel Gerätschaften waren wirklich besser als die älteren Geräte der Großväter. Deswegen besaß der dürre und hagere Bauer einen großen Geräteschuppen, der kräftige und starke Bauer jedoch hatte nur einen Verhau, einen Verschlag, in dem er die alten Geräte seiner Großväter aufbewahrte, wie die es auch getan hatten.
So begann also das Neue Jahr, beide Weinbauern gingen ihrem Geschäft nach, nur das der dürre Bauer früher angefangen hatte. Dadurch kam es so, dass er auch rechtzeitig fertig wurde, während der kräftige Bauer ein bisschen zu spät war. Das war aber in diesem Neuen Jahr sehr fatal, denn dadurch verpasste der starke und kräftige Bauer drei Tage lang den Wetterbericht und der besagte, dass der Sommer sehr heiß sein würde, es stände eine harte Dürre an. Der hagere und dürre Bauer hingegen hatte diese Information sofort parat.
Aufgebracht hatte er daher überlegt und sagte sich zum Schluss, dass die automatische Bewässerungsanlage nötig war, aber so sehr er auch die Pfennige umdrehte, er konnte sie sich einfach immer noch nicht anschaffen. So tat er wieder das, was er immer tat und las ein Buch, informierte sich nach der schweren Arbeit weiter. Dabei stieß er auf eine Firma, die noch immer Brunnen bohrte. Die bohrten bis 20 Meter tiefe Brunnen. So sagte sich der dürre und hagere Bauer: „Viel werde ich diesen Sommer arbeiten müssen. Die Dürre erfordert, dass ich jeden Tag den Weingarten bewässern muss, und das mit Eimern. Aber Wasser werde ich haben, denn diese Firma beauftrage ich, mir einen so tiefen Brunnen zu bohren!“
So kam es, dass der dürre und hagere Bauer sich einen Brunnen bohren ließ. Das sah der starke und kräftige Bauer, wodurch auch er endlich mitbekam, dass eine Dürre den Sommer über herrschen sollte. Aber er hielt die Vorsicht des dürren und hageren Bauers für übertrieben. Hinzukommend knauserte er mit Geld, weswegen er sich sagte: „Es muss eine ganz harte Lösung daher. Aber: So stark wie ich bin! Ich grabe mir selbst einen Brunnen. Den Wünschelrutengänger, den zahl ich noch, aber alles andere mache ich selbst. Das schaff ich schon. Ich bin groß und stark und habe Schaufel und Spaten und Schubkarre. Mehr gebrauche ich nicht dafür.“
So schufen sich beide Weinbauern einen Brunnen und bereiteten sich damit auf die Dürre vor. Der dürre und hagere Bauer hatte für das Bohren des Brunnens und für eine einfache Schaufelpumpe 1000 Pfennige bezahlt, der starke und kräftige Bauer hatte dem Wünschelrutengänger 50 Pfennige bezahlt. Danach war er an die Arbeit gegangen. Der dürre Bauer hatte seinen Brunnen in einer Senke bohren lassen, weil er, durchs Lesen und studieren, wusste, dass er so auf natürlicherweise dem Grundwasserspiegel noch ein bisschen näherkam, der starke und kräftige Bauer grub dort, wo ihm der Wünschelrutengänger gesagt hatte. Daraufhin war der starke und kräftige Bauer angefangen mit Spaten und Schaufel zu graben, aber der Boden war steinig und hart, sodass er zusätzlich eine Spitzhacke gebrauchte. Als er dann 5 Meter tief gegraben hatte, noch nie zuvor hatte er so schwer gearbeitet, war er auf Grundwasser gestoßen. Danach hob er noch 2 Meter tief weitere Erde aus, dadurch lag sein Brunnen 2 Meter unter dem Grundwasserspiegel. Danach war er so erschöpft, dass er die Arbeit niederlegte. Der gebohrte Brunnen des dürren und hageren Weinbauers mit seinem Gestänge erreichte 15 Meter unter dem Grundwasserspiegel.
Beide hatten also einen Brunnen. Beide verließen sich darauf. Schon kurz darauf setzte die Dürre ein. Es wurde so heiß, dass die Luft flimmerte, der Boden trocken wurde, sodass die Luft staubig wurde, wenn man über diese trockene Erde hinwegging. Heiß war es, heißer wurde es und weder nachts noch tagsüber gab es Wolken am Himmel.
Es regnete dann 8 Wochen nicht, nur pure Hitze, sodass der Grundwasserspiegel sank und sank und sank und der starke und kräftige Bauer nach 4 Wochen kein Wasser mehr im Brunnen hatte. Seine Ernte verdorrte, kein Ertrag brachte sein Weingarten in diesem Jahr. So hungerte er den Winter über und verfluchte, bis zu seinem Ende, Gott, weil der ja, seiner Meinung nach, diese Dürre, dieses Unglück über die Welt gebracht hatte.
Der dürre und hagere Bauer hingegen hatte bis zum Ende der Dürre, die ja 8 Wochen lang anhielt, immer noch Wasser. So brachte er am Ende des Jahres wieder seine Ernte ein und weil viele Weinbauern eine schlechte Ernte zu beklagen hatten, konnte er seine Weintrauben besser verkaufen, sodass er sich im Jahr darauf die automatische Bewässerungsanlage leisten und kaufen konnte. Für ihn ging das Leben weiter. Der starke und kräftige Weinbauer hingegen starb, denn durch den fehlenden Verdienst durch seine Ernte, hatte er, damit er den Winter über durchkommen konnte, langsam und sicher alles nacheinander verkaufen müssen. Als er so gut wie nicht mehr hatte, erhängte er sich in seinem Haus. In seinem Abschiedsbrief stand geschrieben: „Ich wahr mein Leben lang fleißig und stark. Trotzdem hat man mich zerstört. Wie ungerecht die Welt doch manchmal sein kann!“ Er hinterließ eine weinende Frau und zwei hagere, dürre Kinder.
München, 19.06.2026
gez.: Der Bettler Dichter